Integrationskurse unter Druck – Sprachbildung ist Teilhabe und Gerechtigkeit

von | März 9, 2026 | 2026, Allgemein, EEB | 0 Kommentare

Mit dem Trägerrundschreiben 02/26 vom 9. Februar 2026 hat das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) festgeschrieben, was sich seit Monaten abzeichnete: Zulassungen zur freiwilligen Teilnahme an Integrationskursen werden rückwirkend zum 1. Dezember 2025 bis auf Weiteres nicht mehr erteilt.

Damit wird der Zugang zu staatlich geförderten Integrationskursen erheblich eingeschränkt. Teilnehmen dürfen fortan nur noch Personen mit behördlicher Verpflichtung. Für viele integrationswillige Menschen entfällt damit der Zugang zu einem systematischen Spracherwerb – obwohl Sprache der Schlüssel zu Bildung, Arbeit und gesellschaftlicher Mitwirkung ist.

Sprachbildung ist keine freiwillige Zusatzleistung. Sie ist eine Frage der Teilhabe und der sozialen Gerechtigkeit.

Mehr als Sprachkurse: Integrationsarbeit in evangelischer Verantwortung

In der Evangelischen Erwachsenenbildung Bayern (EEB Bayern) bieten zwei Einrichtungen Integrationskurse an: die Evangelische Familien-Bildungsstätte Nürnberg und das Evangelische Bildungswerk Landshut.

Diese Kurse sind weit mehr als Unterrichtsformate. Sie sind niedrigschwellige Zugänge zu Bildung, Begegnung und gesellschaftlicher Orientierung – Räume, in denen Menschen ankommen, Fragen stellen, Strukturen verstehen und Perspektiven entwickeln können. Wenn diese Zugänge wegfallen, trifft das nicht nur Kursstatistiken. Es betrifft reale Bildungs- und Lebenswege.

Konkrete Auswirkungen vor Ort

Evangelische Familien-Bildungsstätte Nürnberg

Bislang führte die FBS Nürnberg regelmäßig bis zu fünf Integrationskurse parallel durch. Seit Ende 2025 sind die Anmeldezahlen spürbar eingebrochen. Ein Allgemeiner Integrationskurs startete zuletzt mit nur 15 statt der üblichen 20 Teilnehmenden; ein Alphabetisierungskurs musste wegen zu weniger Anmeldungen um zwei Wochen verschoben werden. Für März 2026 liegen bei zwei geplanten Kursen bislang gerade einmal drei bzw. fünf Anmeldungen vor – beide Kurse stehen faktisch vor der Absage.

Besonders hart trifft die Entwicklung die Honorarkräfte: Zwei erfahrene Lehrkräfte, deren Kurse im März enden, stehen ohne Anschlusskurs da. Gleichzeitig bleiben die Anforderungen hoch: Degressionsregelungen, Vergütungsausfälle bei Fehlzeiten und aufwendige Dokumentationspflichten belasten die Träger zusätzlich. Planungssicherheit ist kaum noch gegeben.

Evangelisches Bildungswerk Landshut

Rund 50 Prozent der bisherigen Teilnehmenden im EBW Landshut waren freiwillig Zugelassene. Fällt diese Gruppe weg, halbiert sich perspektivisch das gesamte Kursangebot: Statt bisher sieben Kursen pro Jahr könnten künftig nur noch drei bis vier stattfinden. Die Folgen reichen weit: Unsicherheit in der Personalplanung, die Gefahr des Verlusts qualifizierter Lehrkräfte und die strukturelle Schwächung einer über Jahre aufgebauten Integrationsarbeit.

Strukturelle Spannungen

Die aktuelle Situation macht einen grundlegenden Widerspruch sichtbar: Einerseits stellt der Staat hohe Qualitätsanforderungen an die Träger und erwartet ab 2027 die Festanstellung von Kursleitungen. Andererseits entzieht er durch Zulassungsstopps, schwankende Teilnehmendenzahlen und kurzfristige Steuerungsentscheidungen genau die Planungsgrundlage, die stabile Beschäftigungsverhältnisse erst möglich machen würde. Für kleinere, gemeinwohlorientierte Träger ist dieses Spannungsfeld kaum tragfähig. Das EBW Landshut bringt es auf den Punkt: Wenn der Staat Festanstellungen vorschreibt, aber keine verlässlichen Rahmenbedingungen schafft, muss er konsequenterweise auch die Verantwortung für die Lehrkräfte übernehmen.

Was jetzt notwendig ist

Integrationskurse sind kein Randbereich der Erwachsenenbildung. Sie sind ein zentraler Baustein gesellschaftlicher Integration – gerade in Zeiten von Fachkräftemangel und sozialer Polarisierung.

Aus Sicht der Evangelischen Erwachsenenbildung Bayern braucht es jetzt:

  • verlässliche und transparent kommunizierte Rahmenbedingungen
  • echte Planungssicherheit für Träger und Lehrkräfte
  • eine auskömmliche Refinanzierung, die Qualität auch wirtschaftlich ermöglicht
  • niedrigschwellige Zugänge zur Sprachbildung auch für freiwillig Lernende

Wer integrationswilligen Menschen den Zugang zu Sprachbildung erschwert, verzögert nicht nur individuelle Bildungswege – er schwächt gesellschaftliche Teilhabe insgesamt. Evangelische Erwachsenenbildung versteht Sprachbildung als Beitrag zu Gerechtigkeit, sozialem Zusammenhalt und demokratischer Kultur. Damit diese Aufgabe weiterhin wahrgenommen werden kann, braucht es politische Entscheidungen, die Integration als Investition in unsere gemeinsame Zukunft begreifen.