Vom Kneipenchor über Familienangebote wie Figuren-Theater oder Upcycling-Werkstatt bis hin zu einem Flashmob zur Demokratieförderung auf dem städtischen Marktplatz: Mit kreativen Formaten und starken Kooperationen realisiert das Wirkwerk Weilheim Bildungsarbeit für Familien und (junge) Erwachsene, die bewusst über traditionelle kirchliche Räume und Inhalte hinausgeht. Im Interview berichten die Projektleiterinnen Carolin Fröhlich und Nina Fischer über ihre Erfolge in der Region – und warum Kirche dort stattfinden sollte, wo das Leben pulsiert.
EEB Bayern: Liebe Carolin, liebe Nina, die Zielgruppe des Wirkwerkes Weilheim sind junge Erwachsene ab ca. 27 Jahren und insbesondere Familien. Warum habt Ihr gerade diese Altersgruppe im Visier und wie findet ihr heraus, welche Themen, Orte oder Formate diese Menschen im Moment wirklich brauchen?
Carolin Fröhlich und Nina Fischer: Unsere Zielgruppe ergab sich zur Gründung des Wirkwerks aus dem Wunsch, eine passive Altersgruppe innerhalb der Evangelischen Kirche im Dekanat WM zu aktivieren!
Da die Jugendarbeit laut Ordnung der Evangelischen Jugend in Bayern formal Menschen bis 27 Jahre anspricht, fehlte uns bis dato selbst der Anschluss und das Zugehörigkeitsgefühl für die Zeit ‚danach‘. Wir erlebten selbst eine bunte und erfüllende Kindheit und Jugend innerhalb der evangelischen Kirche und wussten, dass es noch vielen anderen geht wie uns. So lag die Vision wie ein deutlicher Weg vor uns, aus dieser Motivation heraus einfach loszulegen und ein Netzwerk aufzubauen!
Ab 27 Jahren bedeutet natürlich auch, dass die Zielgruppe nicht nur aus ‚herausgewachsenen‘ Jugendlichen besteht, sondern auch und insbesondere aus Menschen, die eine Familie gegründet- und (kleine) Kinder haben.
Das ist eine herausfordernde Zielgruppe, weil die ‚Freizeit‘ und Muße der jungen Familien sehr begrenzt ist und das Wahrnehmen der Erwachsenenbildungs- Angebote nicht an der Motivation, sondern meist an fehlenden Betreuungsmöglichkeiten für die eigenen Kinder scheitert.
Deshalb sind unsere Familienangebote (mit Übernachtung) besonders beliebt.
Im Laufe des Projektes haben wir festgestellt, dass sich unsere Zielgruppe nicht vorrangig auf die Frage des Alters beschränkt, sondern an den Bedürfnissen der Menschen orientiert. Je nach Angebot erreichen wir eine Altersspanne von 27 – 75 Jahre. Dies ermöglicht einen wertvollen generationenübergreifenden Austausch und schafft neue Perspektiven.
EEB Bayern: Seit den Anfängen des Projektes in 2022 hat sich das Wirkwerk Weilheim inzwischen zu einer festen und sehr beliebten Familienanlaufstelle in der Region entwickelt. Zu den Grundpfeilern Eures Erfolges gehören eindeutig intensive Netzwerkarbeit und Kooperationen. Wie entstehen diese Netzwerke vor Ort – und was macht eine gelingende Zusammenarbeit für Euch aus?
Fröhlich und Fischer: Kooperation und Netzwerkarbeit sind das A und O für zielgerichtete und vielseitige Angebote. Wir nutzen bestehende Räume und vorhandene Infrastruktur und schaffen dadurch eine intensivere Nutzung und alltagsnahe Angebote. Wir machen die Erfahrung, dass es sich lohnt, den hohen Kommunikationsaufwand für Kooperationen aufzubringen, um nützliche Synergien zu schaffen. Es ist manchmal herausfordernd, den Fokus zwischen verschiedenen Trägern auf Kooperation zu lenken und nicht in Konkurrenz zu denken.
EEB Bayern: Von Modenschauen in einem Gebrauchtmöbelhaus über einen regelmäßigen Kneipenchor und Familienfreizeiten im In- und Ausland bis hin zu politischen Aktionen in der Weilheimer Stadtgesellschaft – Ihr habt in den letzten drei Jahren viel ausprobiert und bewegt. Was waren Eure persönlichen Highlights? Welche Erfahrungen macht ihr, wenn kirchliche Bildungsangebote bewusst jenseits traditioneller Räume stattfinden – und welche Rolle spielt der christliche Glaube?
Fröhlich und Fischer: Unser persönliches Highlight ist die Bandbreite an Menschen, die wir mit unseren Angeboten ansprechen und die Tiefe, die im gegenseitigen Miteinander entsteht. Musik ist für uns dabei das tragende Mittel, um Menschen in Gemeinschaft zu bringen. Sie verbindet als Thema, schafft hörbar und körperlich Resonanz und schwingt bis über das Angebot hinaus mit in den Alltag.
Es ist einfach toll zu sehen, wie die Teilnehmerinnen und Tellnehmer sich persönlich durch Angebote des Netzwerks entwickeln und ihre eigene Wirksamkeit erleben, ob beim Werkeln, bei Themenabenden oder im gemeinsamen Musizieren, oder, oder, oder. Unsere Veranstaltungen dienen vor allem dazu, mit Menschen ins Gespräch zu kommen. Dabei zeigt sich immer wieder, dass gelebte Spiritualität nicht an feste Orte und Liturgien gebunden ist, sondern dort entsteht, wo man sich als Teil einer Gemeinschaft erlebt, sich einbringen kann und Selbstwirksam erlebt. Bis sich jemand auf eine Gruppe einlässt, braucht es meist mehrere Begegnungen: Vertrauen muss wachsen, bevor tiefere Gespräche entstehen und sich Menschen mit ihrer eigenen Spiritualität auseinandersetzen können. Der christliche Glaube bildet für uns den Rahmen, er schafft die Grundlagen im menschlichen Miteinander – gleichzeitig respektieren wir, dass jeder Teilnehmende ein eigenes Tempo und eine eigene Intensität in der Annäherung daran hat. Als Sozialarbeiterinnen liegt unser Schwerpunkt nicht auf der Liturgie, stattdessen stellen wir das gemeinsame Erleben, den „Spirit“ der Gemeinschaft, in den Mittelpunkt. So „zäumen wir das Pferd von hinten auf“: Im Wirkwerk kann Glaube durch gemeinsames Erleben, Fühlen und eigene Wirksamkeit entdeckt werden.
EEB Bayern: Was braucht Eurer Ansicht nach evangelische Bildungsarbeit, um für die Menschen auch in Zukunft relevant zu bleiben? Habt Ihr schon Pläne für 2026, die Ihr uns verraten könnt?
Fröhlich und Fischer: Evangelische Bildungsarbeit braucht vielfältige Angebote und einen Rahmen, in denen Menschen sich wohl fühlen. Wir sehen es vor allem als unsere Aufgabe, Räume zur Verfügung zu stellen, die in den Alltag der Zielgruppe integrierbar sind und die dann mit den Bedürfnissen und Interessen der Nutzer*innen gefüllt werden können.
Bildungsarbeit ist Beziehungsarbeit. Wir müssen die Menschen direkt und persönlich ansprechen, sie im Blick haben und wertschätzen, sonst sind wir ein Angebot unter vielen. Dafür brauchen wir vor allem finanzielle Mittel für Personal.
Wir freuen uns in 2026 auf wiederkehrende Formate, die sich bewährt haben. Darunter die bunte und kreative Modenschau im Januar (siehe Veranstaltungstipp) und die Familienfreizeiten an Ostern und im Sommer. Ein Pfeiler unserer Angebote ist der Kneipenchor, der durch seine Offenheit stetig neue Menschen ins Netzwerk zieht. Inhaltlich stehen Körperliche Gesundheit für Kinder und Erwachsene auf der Agenda. Ein Schwerpunkt der kommenden Monate wird Demokratiebildung und die Vernetzung unter den Verbänden vor Ort sein. Unter dem Motto: „Erfahren. Begegnen. Entwickeln. Gestalten.“ Mit einer Plakatkampagne (Team Liebe) wollen wir mit positiven und gemeinschaftsfördernden Sätzen den öffentlichen Raum bereichern, die den Blick auf das richtet, was uns als Gesellschaft eint. Ein weiteres Projekt steht in den Startlöchern „Smarter Start ab 14“. Hier soll eine großangelegte Aufklärungswelle in verschiedene Landkreise und deren Bildungseinrichtungen zum Schutz von Kindern initiiert werden.
Interview: Sabine Löcker
Veranstaltungstipp
Modenschau im Gebrauchtwarenmöbelhaus – Kreativer Laufsteg & Beisammensein
Herzliche Einladung zu einer „Reise um die Welt“: Models präsentieren Second-Hand-Mode aus dem Gebrauchtwarenladen der i+s pfaffenwinkel in neuem Look. Ein Hoch auf die Kreislaufwirtschaft!
Termin: 24. Januar 2026 um 17 Uhr (Einlass: 16.30 Uhr)
Ort: Gebrauchtmöbelhaus, Krumpperstraße 8-10, 82362 Weilheim
Eintritt: frei – um Spenden wird gebeten
(Eine Kooperation von I+S Pfaffenwinkel und Wirkwerk Weilheim)
Zur weiteren Info
Link zur Website Wirkwerk Weilheim hier
Link zum Filmbeitrag „Kneipenchor statt Bibelarbeit – Kirchliche Bildungsarbeit ade?“ , der im Rahmen der BR-Sendung „STATIONEN“ Ende Oktober 2025 ausgestrahlt wurde hier
Foto: Wirkwerk Weilheim